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Presse
Sterben will gelernt sein
Wie Schauspielschüler den überzeugenden Bühnentod einstudieren
von BARBARA BUCHHOLZ
Thorbens Hände umschließen Michaels Hals. Der schlanke junge Mann kniet über dem am Boden Liegenden und drückt dessen Kehle gnadenlos immer fester zu. Michael röchelt, seine Beine zucken, er schlägt mit den Armen um sich. Sein Gesicht ist gerötet vor Anstrengung. Michael kämpft um sein Leben. Thorben drückt verbissen weiter. Der Körper unter ihm krampft und zuckt ein letztes Mal – und liegt dann plötzlich still, die Augen weit offen. „Das ist ein sehr wichtiger Moment“, sagt Silvana Kreuzer, die die Szene beobachtet hat. Die Dozentin an der Kölner Theaterakademie weiß: Sterben will gelernt sein, jedenfalls für die Bühne. Eigene Kurse gibt es aber nicht dafür, das wäre wohl doch zu makaber. Bekanntschaft mit dem gemimten Tod machen die Schauspielschüler in dem Fach „Bühnenkampf“, das Silvana Kreuzer an der Schule im Kölner Süden unterrichtet. Da lernen sie eben auch: Ein überzeugender Theater-Toter hat die Augen starr geöffnet zu lassen, ohne zu blinzeln, und zwar mehrere Sekunden lang. „Du musst dich entspannen und darfst dich nicht darauf konzentrieren, dass deine Augen offen sind“, sagt der eben erwürgte Michael. Zu üben hatte er ebenfalls, das Leben nicht nur aus dem Körper, sondern auch aus dem Blick weichen zu Silvana Kreuzer. In etwa so, als ob man etwas anschaut, aber nicht wirklich. Blicke sind überhaupt wichtig Ihn soll ein Schuss in die Brust niederstrecken. „Du musst dir den Impuls genau an der richtigen Stelle vorstellen“, ruft die in Richtung der Schützin, und dann hinunter auf seine Brust, wo ihn die imaginäre Kugel getroffen hat. Kurz darauf sackt er zu Boden. „Es ist schwierig“, sagt Harald, „den leblosen Körper darzustellen, den kein Muskel mehr hält.“ Seit der Antike wird auf den Brettern, die vielen die Welt bedeuten, gestorben, was das Zeug hält. Also müssen angehende Mimen verschiedene Arten lernen, aus dem Leben zu scheiden. Das Repertoire wird an Schauspielschulen weitergegeben. Letztlich, sagt Silvana Kreuzer, entscheidet das Publikum, ob der Bühnentod überzeugend wirkt. Und dessen Wahrnehmung ist vor allem durch den Anblick jeder Menge TV-Toter und Leinwandleichen geschult. Allerdings: Wie sich Sterben eigentlich wirklich anfühlt, wer weiß das vorher schon? Durchgespielt haben Silvana Kreuzers Schützlinge jedenfalls schon etliche Todesarten: Erschossen, erwürgt, erstickt, erstochen oder vergiftet wurden sie bisher. „Bloß den natürlichen Tod hatten wir noch nicht“, sagt sie. Auf dem Krankenbett das Leben auszuhauchen, stellt offenbar die größte Herausforderung dar. Als es dies zu mimen gilt, sind die spielfreudigen Eleven plötzlich allesamt ganz scheu. Andererseits ist das halb so wild: Der natürliche Tod kommt auf der Bühne nämlich recht selten vor. Nicht dramatisch genug, vermutlich. Offensichtliche Gewalt ist aber für einen spektakulären Abgang gar nicht immer nötig. Der Schauspielschülerin Signe reicht eine imaginäre Pille, vom Arzt verabreicht. Kaum hat sie die geschluckt, wird ihr ziemlich überzeugend ganz anders. Auf dem Behandlungstisch sitzend, greift sie sich an die Brust, beginnt zu keuchen und zu röcheln. Die junge Frau windet sich gequält auf dem Tisch, Panik in den Augen, die Wangen erhitzt wie im Fieber. Schließlich fällt sie über die Kante auf den Boden – und erstarrt. Es muss schwierig sein, von jetzt auf gleich ganz ruhig dazuliegen und möglichst unmerklich zu atmen. „Es ist sehr anstrengend zu sterben“, sagt Signe Augenblicke später, und sieht erschöpft aus. „Aber das Aufstehen danach ist schön.“ » Sterben ist sehr anstrengend. Aber das Aufstehen danach ist schön. «
Kölner Rundschau 21.02.2008
Ungehemmte Spielfreude
Junge Mimen in „Suburban Motel“.
Augenblicke zum Durchatmen sind weder dem Publikum noch dem Ensemble vergönnt.
Ehrenfeld- Ein Vorstadt-Motel ist nun einmal alles andere als ein Ort der Ruhe. Es ist laut und hektisch hier, aggressiv, ja sogar lebensgefährlich in George F. Walkers „Suburban Motel".
Zwei Grotesken des sechsteiligen Zyklus zeigen Schauspielschüler der Theaterakademie Köln als Abschlussarbeit.
Im Artheater am Ehrenfeldgürtel 127 steht das furios inszenierte Stück noch vom 28. bis zum 1. Dezember, jeweils 20:00 Uhr auf dem Plan...
... bringen die Darsteller mit bemerkenswerter Intensität und mitunter geradezu hemmungsloser Spielfreude auf die Bühne.
Während „Problemkind“ fast Ansätze eines Sozialdramas aufweist, steht „Genie und
Verbrechen“ mit seiner absurden Komik zunächst in krassem Kontrast dazu.
Beide Handlungsstränge verwob Regisseurin Kathrin Sievers mit ihrem siebenköpfigen Ensemble geschickt vor dem immer gleichbleibenden Bühnenbild – einem schäbigen Motelzimmer eben. Ein Junkiepärchen – beklemmend realitätsnah Elisabeth Pleß und Ulrich Faßnacht – gibt sich in seinem Motelzimmer der vagen Hoffnung hin, das Sorgerecht für das gemeinsame Baby zurückzuerhalten. Sozialarbeiterin Helen zeigt sich aber bei Ihrem Besuch skeptisch und distanziert. Derweil suchen die beiden Möchtegern- Gangster Stevie und Rolly – Daniel Mutlu und wiederum Ulrich Faßnacht interpretieren sie als Laurel und Hardy – einem Ausweg aus Ihrem Dilemma: Sie sollten eigentlich einen Brandanschlag verüben, doch Gewalt lehnen sie prinzipiell ab.
Die Auftraggeberin ist davon alles andere als erbaut.
Lina Schattauer brilliert in der Rolle der Motel- Angestellten Phillie...
Kölner Stadtanzeiger, 27.11.2007
"AND BJÖRK,OF COURSE" von Thorvaldur Thorsteinsson. - Gönnen Sie sich diese Therapie: Sie bekommen ihre Triebe in den Griff, indem Sie sie ausleben, Opfer sind, aber zum Täter werden, und ab und an zur Entspannung in eine heiße Quelle auf Island tauchen. Auf jener Insel spielt Thorvaldur Thorsteinssons Stück "And Björk, of course", das der Abschlussjahrgang der Theaterakademie Köln im ARTheater zeigt.
Der Bühnenraum ist bunt und harmlos wie ein Kinderzimmer, aber Schauplatz einer kollektiven Psychose in bester isländischer Exzentrik. Eine Gruppe Seelenbeschädigter greift nach dem Horizont und produziert den Abgrund, behauptet Reife und ergibt sich dem Infantilen. Statt dramatischer Handlung also therapeutische Behandlung: kein Anfang oder Ende, sondern ein großer Moment voll wunderbarer schauspielerischer Energie. Ergötzlich ist nicht zuletzt der Schlussakkord: Nach einer nahezu pornograpischen Apokalypse endet das Stück im tosenden Vulkanausbruch zu Klängen von - Björk, of course!
Kölner Stadtanzeiger, 7.11.2006
Wo ich bin, will ich nicht sein
Gregor Weber entdeckt "Klippenfrauen" im Umspannwerk.
Ganz einfach: Zwei Frauen im leeren weißen Raum des Umspannwerkes in der Südstadt. Gwendolin Gemmrich und Isabell Brenner machen sich mit "Klippenfrauen - abgesegelt" auf die Suche. Die erste eigene Arbeit der Schauspielerinnen fragt nach den Möglichkeiten der Bühne: Wie bewegen? Welche Positionen einnehmen? Wann Kontakt herstellen? Der Choreograph Gregor Weber hat den Darstellerinnen mit seinem Regie- und Lichtkonzept eine klare Struktur mit auf den Weg gegeben. Die Zeichen dieser Collage aus Musik, Tanz und Sprache sind von Anfang an präzise gesetzt: Aus dem Off rattert ein Zug. Mit wenigen Gegenständen - Lampe, schwarze Holzwürfel, Musikinstrument, Taschen - richten sich die beiden Frauen auf je einer Bühnenhälfte ein. Perücken werden aufgesetzt durch die Farben der Kostüme - türkisblau und pink - Gegensätze signalisiert. Diese kleinen Identitätsinseln vorn im Bühnenraum werden zum Ausgangspunkt einer Reise durch unterschiedliche Gefühls - und Bewegungsztustände. Mal melodramatisch, mal komisch, mal verhalten durchlaufen die beiden ein Auf und Ab: Sie gehen nebeneinander her, berühren sich, wirbeln, driften auseinanader: Die Wege sind dabei streng choreographiert.
Kölner Rundschau, 30.06.2006
Zu schön, um wahr zu sein
Martin Crimps "Angriffe auf Anne" im Kölner ARTheater.
Die Abschlussklasse des Akademietheaters zeigt das Stück als packende Revue.
Sie ist eine Frau, von der man spricht, diese Anne. Obwohl man nicht sicher sein kann, ob sie selbst wirklich auftaucht in diesem Stück. Man sagt, sie sei das nette Mädchen von nebenan - aber auch Terroristin, Globalisierungskritikerin, Drogenkurierin, Pornodarstellerin, ja sogar ein Automodell: Wer einen "Annie" kauft, ist auf der sicheren Seite, auf der anderen Seite des Bildschirms, in einer Welt ohne Armut und Krankheit. Schön und neu ist die Welt in Martin Crimps "Angriffe auf Anne" von 1997. Ein provozierendes, ein schwieriges Stück hat sich die Abschlussklasse des Akademietheaters Köln hier ausgesucht. Ein wortreiches zumal: Die Präzision der Eloquenz überfordert das Publikum bewusst. In schneller Folge spielen sich Fernsehmoderatoren geschliffene Formulierungen zu. Zu schön, zu glatt, um wahr zu sein. Sehen Menschen im Fernsehen glaubwürdiger aus als in der Realität? Die Regisseurin Kathrin Sievers wirft diese Frage auf. In einer Szene spricht eine Frau real auf der Bühne gleichzeitig ist sie in zwei großflächigen Projektionen zu sehen. Eine sehr emotionale Szene, vorgetragen von einem Menschen, der drei Mal zu sehen ist. Der Blick des Publikums wandert hin und her. Und man ist geneigt, der Projektion des Gefühls an der Wans mehr Authentizität zuzugestehen als der Frau, die auf der Bühne spricht. Die Tränen sehen plastischer aus. Eine Demonstration der Macht von Bildschirmen. Das Akademietheater interpretiert das Stück freigeistig als Revue: Sie haben eigens fünf Musikstücke komponiert, die wie ein griechischer Chor diese Tragödie einer möglichen Existenz von heute kommentieren. Von der Parodie auf die Möctegernstars aus "Deutschland sucht den Superstar" bis zur Rocknummer aus der alternativen Jugendkultur reicht der musikalische Metatext dieser jungen Truppe.
Die neun Schauspieler des Akademietheaters nehmen Crimps Stück als Spielvorlage und fügen Hintersinniges hinzu. Sie tun dies überzeugend, vollbringen einen kulturkritischen Rundumschlag. Man erfährt nie, wer Anne wirklich ist. Das gerade macht sie zum Megastar. Omnipräsent und gleichzeitig ungreifbar. Ein inszenierter Mensch. Und ist das nicht Schauspiel: Aus dem Nichts heraus etwas glaubhaft darzustellen, was es gar nicht gibt? Zwei Stunden dauert die Aufführung. Keine Minute ist zu viel.
Kölner Stadtanzeiger, 9.11.2005
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